Wie ist es möglich, unser inneres Kind zu integrieren?

Auch ich gehöre zu den Menschen, die nicht dazu erzogen wurden, die Liebe, die Leichtigkeit, den Erfolg und den Reichtum zu verwirklichen, sondern ich habe gelernt, dass Liebe, Leichtigkeit, Erfolg und Reichtum etwas ist, was irgendwo da draußen in der Welt existiert und was es gilt zu erreichen. Im Klartext heißt das: „Wenn du das erreichen willst, dann musst du viel dafür tun!“ Es gilt hier: „viel zu tun“, um etwas zu bekommen. Das meint, es geschieht nicht von selbst. Meine Erziehung hatte einen sehr einschränkenden Eindruck auf mein Selbstwertgefühl.

Mir war es nicht vergönnt, spielerisch und voller Vertrauen die schöpferischen Möglichkeiten zu erfahren. Viele Menschen traten in mein Leben, die meine Tage und meine Abläufe strukturieren wollten, besonders die Kirche und die Schule. Die Chancen, meinen eigenen Weg zu gehen, hatte ich erst im Alter von 19 Jahren als ich mich auf dem Weg nach Afrika machte und dort für ein Jahr lebte. Aus heutiger Sicht war es sicherlich ein „weg von“.

Und wenn ich mich so in der Welt umschaue, dann wird mir klar, dass es nicht besonders viele Menschen in unserem Kulturkreis gibt, die wirklich das tun, was sie aus tiefstem Herzen wollen. Die meisten Menschen sind angepasst, hängen in ihrem geordneten Dasein und in ihren Strukturen fest. Das Leben passt sozusagen in einem geordneten Rahmen.

In meinem Leben hatte ich oft das Gefühl von Mangel. Entweder genügte ich nicht oder es fehlte etwas. Heute nenne ich das Mangel-Bewusstsein. Der Erfolg, nach dem ich strebte, schien immer gerade außerhalb meiner Reichweite zu liegen. Die Folge war, dass ich mich noch mehr anstrengte und bereits im Alter von 32 Jahren eine erfolgreiche mittelständische Unternehmerin mit 12 Mitarbeitern war. Doch wirklich glücklich war ich nicht, Ich funktionierte und wurde zum Workaholic. Im Alter von 38 Jahren hatte ich ein Burnout.

Nach Liebe strebte ich erst gar nicht wie viele meiner Altersgenossen, denn ich war der Überzeugung: „Erst muss ich Leistung bringen, dann bekomme ich Anerkennung und Liebe!“ Zum ersten Mal bekam ich 2004 in England im Zusammenhang mit meiner Heiler-Ausbildung mit meinem inneren Kind in Kontakt.

So sagte ich zu mir selbst: „Anstatt wieder eine neue Beziehung einzugehen oder ein neues Projekt zu beginnen, kann ich mich doch erst einmal um die Beziehung zu mir kümmern“. So ging ich auf Entdeckungsreise, denn zunächst einmal spürte ich gar nicht mein inneres Kind. Das brachte eine große Verpflichtung mit sich, Was bin ich mir wert? Bin ich bereit, alte Gewohnheiten loszulassen? Es war nicht einfach, immer wieder mit meinem inneren Kind in Kontakt zu gehen, zu spüren, zu lauschen und für das Kind da zu sein. Es war ein vergessenes, vernachlässigtes Kind, das sich gar nicht zeigen wollte. Es war total eingeschüchtert, verletzt, traurig und auch ungepflegt. Alle Arten von gesellschaftlichen, finanziellen und persönlichen Verpflichtungen mussten überprüft und so eingerichtet werden, dass mein Kind eine Vorrangstellung hatte. Das war ein hoher Preis. Viele Kontakte waren an dieser Stelle beendet. Und ich fühlte mich sehr allein. Doch mir war klar, dass ich für dieses verletzte kleine Mädchen einen geschützten Raum schaffen musste, wo es gehalten wurde, wo es wachsen konnte, wo es aufblühen konnte, wo es sich austoben konnte.

Meine Kindheit war von den Bedürfnissen und Erwartungen meiner Eltern geprägt. Doch jetzt war ich als einzige verantwortlich für dieses Kind. Früher hatte ich die Macht über mein Leben an andere abgegeben: Die Eltern, die Lehrer, die Kirche, die Ärzte, die Therapeuten, der Ausbilder, der Arbeitgeber und nicht zuletzt an den Ämtern. Jetzt wollte ich mein Kind selbst großziehen, für ihn Vater und Mutter sein, doch vor allen Dingen vertrauensvoller Lehrer, der Orientierung bietet.

Jeder Augenblick, in dem ich STEP BY STEP lernte, wieder auf meine Intuition zu vertrauen, brachte mich dem fühlenden Kind näher. Das war ein langer Prozess. Um meinem Kind gerecht zu werden, musste ich mein Leben ändern. Und das tat ich. Beziehungen, in denen ich mich schlecht fühlte, beendete ich oder sie lösten sich von selbst auf. Ich gab das Rauchen auf, ich gab die Süßigkeiten auf, nahm grundsätzlich weniger Nahrung zu mir und sorgte für genügend Schlaf, ich beschäftigte mich mit wohltuender Literatur, die mich weiterbrachte und ich mied es fern zu sehen. Ich folgte mehr und mehr den Weg meines Herzens. Zu dieser Zeit begann ich, täglich zu meditieren.

Ich begann, für mich sichere Umgebungen zu schaffen, in denen ich meine Gefühle leben konnte. Das ist auch heute noch so: der Platz in der Sauna, der Platz am Rheinufer auf einer Bank oder auf der Wiese, auf dem Fahrrad oder einfach ganz allein daheim. Nach einigen Jahren des Heilungsprozesses konnte ich mit meinem Kind wieder in die Welt hinausgehen, doch ich brauche auch heute noch Menschen und Plätze, wo ich sein kann. Mein Körper spiegelt es mir im Nu. Mein Kind kommt nicht so ohne weiteres heraus, es ist zu lange vergessen, unterdrückt und nicht geliebt worden. Täglich gebe ich diesem inneren Kind Raum, sich zu spüren, zu spielen, zu wachsen, zu tanzen, sich frei zu fühlen und einfach nur zu sein. Als Erwachsene habe ich mich von dem Glaubenssatz gelöst, kämpfen zu müssen; ich habe gelernt, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und sie zu äußern. Das brachte mehr Leichtigkeit in mein Leben.

In fast jedem Erwachsenen steckt ein verletztes Kind. Wenn wir uns es gut gehen lassen wollen, dann ist es Zeit, mindestens einmal täglich die Aktivitäten für wenige Minuten einzustellen und wahrzunehmen, was das innere Kind genau in diesem Augenblick benötigt. Dann kann es passieren, dass wir auch in Berührung kommen mit unserer schüchternen, ängstlichen Seite und mit dem pubertierendem Kind, was neugierig ist, sexuelle Erfahrungen zu machen. All diese Dinge warten darauf, gefühlt zu erden, angenommen zu werden und geliebt zu werden. Och ich als Erwachsene darf dafür sorgen, dass das innere Kind eine Umgebung hat, in der es wachsen und blühen kann.

Wenn ich meine Gefühle von Wut, Aggression, Verzweiflung, Frust, Schmerz, Traurigkeit und Einsamkeit nicht mehr verleugne, sondern lerne sie zu spüren in meinem Körper und damit sein kann, dann beginne ich meine Wünsche und Phantasien aufscheinen zu lassen. Bewusst können wir uns dafür entscheiden, für unser inneres Kind zu sorgen.

Es gibt so viele Menschen, die können eher denken als fühlen – gerade in unserem Kulturkreis. Und dann gibt es andere Menschen, die haben zu viele Gefühle und können nicht denken. Beides ist wohl nicht sehr gesund. Die einen nennt man Neurotiker, die anderen Psychotiker. Wir sollten wieder lernen, auf unser Inneres zu schauen und den eigenen Gefühlen und Gedanken zu vertrauen. Wenn ich mit jemandem zusammen bin, der sein eigenes Kind akzeptiert, dann kann ich mit meinem inneren Kind echt sein und es ausagieren lassen. Jedoch kann ich nicht mit jemandem verrückt sein, der seine eigenen Verrücktheitsanfälle nicht akzeptiert. Ich muss mir also Menschen suchen, die mich nicht drängen oder schieben, sondern Menschen, die mich lieben wie ich bin und darauf vertrauen, dass ich meinen Weg finde.

Wichtig ist jedoch, dass ich mir selbst Sicherheit gebe, emotionale Sicherheit, mein Kind nicht beherrsche, verletzte oder einenge. Mein Kind darf weinen und schreien. Es muss die übernommenen Spannungen, z.B. von den Eltern loswerden; sie das lassen, wo sie hingehören. Wenn es müde ist, benötigt es Schlaf und ein liebevolles Gutenacht-Sagen. Wenn es traurig ist, muss es gehalten werden. Und es braucht vor allen Dingen das Gefühl, von mir geliebt zu werden.

Am Anfang tat vieles weh. Auch ich hatte Angst, es zu spüren. Jetzt, wo es sich zeigen darf, ist es vielleicht wütend oder verletzt. Immer wieder stellte ich mir die Frage: „Wer ist Herr in meinem Haus?“ Heute nehme ich mir die Macht, über mein Leben selbst zu bestimmen. Kinder benötigen neben der Grundversorgung vor allen Dingen Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Berührung und emotionale Sicherheit. Manchmal fühlte ich mich sehr klein und dann ging ich in die Embryohaltung.

Jedes Gefühl von Hilflosigkeit oder Verletzung ist ein Schrei des Kindes nach Beachtung. Das Kind will spüren, dass es etwas Besseres verdient hat. Als Erwachsene habe ich immer wieder die Wahl, mich neu zu entscheiden, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf einzugehen. Ich kann mich entscheiden, den Weg des Herzens zu gehen. Als Kinder haben wir keine Wahl. Wir sind abhängig von unseren Eltern.

Wenn es mir früher schlecht ging, habe ich immer mehr gegessen oder weitergearbeitet. Es fehlte etwas. Wichtig ist, dass wir als Erwachsene, als Lehrer, als Wegweiser an das innere Kind glauben. Es hat es verdient, geachtet und geliebt zu werden.

Oft in meinem Leben war ich mir selbst ein schlechter Freund. Ich machte andere Menschen, die Umgebung und überhaupt die Welt dafür verantwortlich, dass ich nicht das kriegen konnte, was ich wollte, dass mich keiner akzeptierte und dass mich auch keiner liebte. Mein inneres Kind fühlte dann genau diese Hoffnungslosigkeit. Was glaube ich von mir und der Welt? Glaube ich, dass es das Universum gut mit mir meint? Glaube ich, dass es sich lohnt, auf diesem Planeten zu leben? Glaube ich, dass mir das Universum meine Wünsche erfüllt? Glaube ich, dass meine Kollegen mich akzeptieren? Glaube ich, dass meine Verwandten und Freunde mich lieben? An dieser Stelle ist es wichtig, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wir können erkennen, dass wir uns selbst immer wieder in schmerzhafte Situationen bringen, weil wir das als Kind so gelernt haben? Hat Gott mich so gewollt? Manchmal ist auch der Weg des Ausprobierens angebracht; sich anders zu verhalten. Wenn wir uns bewusstwerden, dass wir eine Welt haben, kommen wir in die Leichtigkeit. Dann wird aus der Hilflosigkeit eine momentane Hilflosigkeit oder ein leichter Weg. Die Welt dreht sich, egal, wie ich mich entscheide.

Wenn ich mir eingestehe, dass ich den Schmerz selbst gewählt habe für mein Leben, dann ist das der Beginn einer neuen Lebensweise. Ich muss erkennen, dass ich etwas Besseres verdient habe. Die Welt hat keine Macht mehr über mich, wenn ich sie ihr nicht gebe. Wer ist der Boss? Wer bestimmt über mein Leben? Wenn ich mich entscheide, die Verantwortung zu übernehmen und meinen eigenen Lebensweg zu gehen und nicht den der anderen, bin ich frei, frei von Anhaftungen und Konditionierungen.  Ich gehe achtsam mit mir und mein inneres Erlebe verändert sich. Ich kämpfe nicht mehr, sondern ich nehme an, die Gefühle, die Situationen. Das bedeutet nicht, dass ich mit allem einverstanden bin und Ja und Amen sage. Es bedeutet, dass ich nicht mehr vor meinen Gefühlen da von laufe und dass ich den Weg des Herzens gehe. Das war der Beginn meines eigenen Liebesweges. Und wenn ich mich selbst liebe, bin ich auch in der Lage, von anderen die Liebe anzunehmen. Das Vertrauen in mir und in andere wächst.

Freud und Leid gehören zum Leben, so wie Schmerzen, Freiheit, Konflikte und Harmonie. Die Frage ist, wie gehe ich damit um? Verdränge ich? Oder sage ich zu meine inneren Kind: „Konflikte sind völlig in Ordnung und gehören zum Leben!“ Alles gehört zum Leben. Alles will gelebt werden, sowohl Freud als auch Leid. Wenn ich „ja“ sage zu mir, zu meinem Leben, zu meinem inneren Kind, dann ist das der Anfang einer Lösung für einen neuen Lebensweg. Wieso ist das der Anfang? Weil jeder Konflikt in Liebe aufgelöst wird und wir mehr und mehr in die Freiheit kommen.

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